Autorenportrait der Wirtschafts­delegierten:
Mexiko – Fritz Steinecker

Von Mexiko aus leitet Fritz Steinecker das AußenwirtschaftsCenter der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA.

1. Was ist das Besondere an dem Land, in dem Sie gerade sind?

Mexiko ist ein Riesenland mit 120 Mio. Einwohnern, hohem Wachstumspotenzial und voller Kontraste. Wirtschaftsgeographisch könnte man von mindestens 4 Ländern sprechen:

  • Einerseits der zentrale Korridor von Puebla über Mexiko-Stadt, Querétaro, Guanajuato, Aguscalientes, San Luis Potosí bis Monterrey: so stellen wir uns einen pulsierenden Emerging Market vor, wo der Zug abgeht (14.000 km Frachteisenbahnlinien an die US-Grenze) und Mexiko auf der Überholspur der Automobilindustrie Vollgas gibt. Bei anhaltendem Investitionsboom wird Mexiko 2020 viertgrößter Automobilproduzent und zweitgrößter KFZ-Exporteur weltweit sein!
  • Dann das Erdölland Mexiko rund um den Golf von Mexiko: zuletzt aus Kapital- und Know How-Mangel eher ein Sorgengebiet, das mit der Energiereform zu neuen Höhen erwachen sollte, sobald der Rohölpreis wieder anzieht. Privates Kapital soll die Förderung von derzeit nur 2,4 Mio. Barrel pro Tag wieder auf Spitzenerträge von 3,5 Mio. Barrel pro Tag bringen – und dem Staat satte Einnahmen zur Verbesserung der Beschäftigung und Bekämpfung der Armut. Derzeit ist aber noch – und sehr wahrscheinlich bis Ende des Jahrzehnts – Geduld gefragt.
  • Nicht zu vergessen das touristische Mexiko: wer denkt dabei nicht an tropische Strände, Tequila und Mariachis?  Von Yucatan, Quintana Roo über Chiapas und Oaxaca bis Mexiko-Stadt und dann weiter am Pazifik von Acapulco über Puerto Vallarta bis Baja California ziehen sich tausende Kilometer bester Strände und tropischer Landschaft. Dazu gute touristische Infrastruktur mit attraktivem gastronomischen Angebot – Mexikaner sind gastfreundlich und feiern gerne, auch mit Gästen aus der ganzen Welt.
  • Und zum Schluss leider auch die Randgebiete mit bitterster Armut, dominiert von Kleinlandwirtschaft, mit Sicherheitsproblemen in folge organisierter Drogenkriminalität und Menschenhandel auf den Migrationswegen von Zentralamerika in die USA. Es ist wohl die größte Herausforderung jeder Regierung dieses Landes, das Armuts- und damit verbunden das Sicherheitsproblem in den Griff zu bekommen. Vieles hat sich in den letzten Jahren gebessert, trotzdem bleiben immer noch einige „heiße“ Regionen unter anderen in Guerrero, Michoacan, Jalisco und Tamaulipas. Wenn Sie geschäftlich oder als Tourist in Mexiko unterwegs sind, werden Sie allerdings sehr wenig davon merken. Nichts zwingt Sie dazu, in diese Gegenden zu reisen.

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Mexiko wächst heute wegen seiner starken, auf den US-Markt ausgerichteten Exportindustrie stärker als der Durchschnitt Lateinamerikas, das noch immer über weite Strecken von Rohstoffpreisen abhängig ist.

Eingeleitete Reformen, wie z.B. die Entstaatlichung der Erdöl-, Erdgas- und Stromwirtschaft, könnten in wenigen Jahren ein schlummerndes Wachstumspotenzial von 5 % jährlich und sogar darüber wecken: der „Mexican Moment“ ist zum Greifen nahe gerückt.

Mexiko – das Neue China? Lohnkosten ähnlich wie in China, jedoch vor der Haustüre des größten Konsummarktes der Welt, gleichzeitig eine der offensten Volkswirtschaften der Welt mit Freihandelsabkommen mit 45 Ländern (bald über 50 mit Inkrafttreten des Transpazifischen Abkommens), eine junge arbeitswillige Bevölkerung mit 27 Jahren Durchschnittsalter: all das lässt das Schlagwort vom neuen China begründen.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und Mexiko stehen derzeit unter einem guten Stern: die Exporte nach Mexiko wachsen um rund 20 % und werden 2015 EUR 700 Mio. erreichen. Mexiko ist damit noch vor Brasilien zum wichtigsten Absatzmarkt in Lateinamerika vorgerückt. Auch die mexikanischen Lieferungen nach Österreich steigen 2015 stark. Im Sog des mexikanischen Automobilbooms lassen sich derzeit eine Reihe österr. Firmen in Mexiko nieder; umgekehrt erleben auch die mexikanischen Investitionen in Österreich durch den Einstieg von America Movil bei der Telekom Austria ein neues Hoch.

Das AC Mexiko betreut abgesehen vom Hauptmarkt Mexiko weitere 8 Länder: Guatemala, Belize, Honduras, El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Panama und Kuba. Jedes für sich ist ein kleiner Markt, insgesamt sprechen wir aber von einem Volumen von immerhin EUR 100 Mio. in Marktnischen. Besondere Aufmerksamkeit erfährt derzeit Kuba. Mit der Annäherung zu den USA und wirtschaftlichen Liberalisierungsschritten könnte Kuba schon in wenigen Jahren auch für Österreich ein interessanter Markt werden.

2. Was sind die Herausforderungen im Leben eines Wirtschaftsdelegierten?

In einem Dienstleistungsbetrieb steht Kundenzufriedenheit an oberster Stelle. Das muss die Maxime im Handeln eines Wirtschafsdelegierten sein, auch wenn die unterschiedlichsten Kundenanforderungen nicht immer leicht zu erfüllen sind. Was danach kommt, dient der Erfüllung des obersten Zieles: das heißt das vorhandene Netzwerk pflegen und täglich neue Kontakte und Geschäftschancen suchen, sich nicht mit Erreichtem zufrieden geben. Je näher wir unseren Kunden im Denken kommen, umso besser verstehen wir deren Anforderung und umso besser können wir Hilfestellung und Problemlösung bieten.

3. Was zeichnet einen guten Wirtschaftsdelegierten aus?

Über gut oder schlecht zu urteilen, ist ein bisschen riskant. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Priorität sollte der Umgang mit Menschen sein, der Auf- und Ausbau von Netzwerken, das Erreichen von Kundennähe, die offene Kommunikation zur Zentrale und die Motivation der Mitarbeiter vor Ort.

4. Welche Eigenschaften muss ein Wirtschaftsdelegierter mitbringen?

Weltoffen sein; keine Scheu vor Übersiedlungen, Flugzeugen, Flughäfen und Hotelzimmern haben; interkulturelle Aufgeschlossenheit; sprachliche Kompetenz; lebenslange Lernfähigkeit; kein Angsthase sein, aber auch nicht Held; flexibel vom Wohnort angefangen bis hin zur Tagesplanung, wo immer Du gerade bist; eine gute Spürnase für neue Geschäftschancen haben.

5. Was gefällt Ihnen am besten am Dasein als Wirtschaftsdelegierter?

Kaum eine Firmenanfrage gleicht der anderen: die unterschiedlichsten Aufgabenstellungen unserer Kunden halten mich selbst nach 34 Dienstjahren geistig fit. Manche Lösung gelingt besser, eine andere vielleicht weniger gut, als ich gerne wollte. Das spornt aber auch an, nicht locker zu lassen. Der Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen ist gleichzeitig die wohl größte Bereicherung, die der Job bietet, sowohl im beruflichen als auch privaten Umfeld. Man lernt nie aus!

6. Wie gestaltet sich Ihr Arbeitsalltag?

Der Arbeitsalltag unterscheidet sich nicht so sehr von anderen Plätzen. Die Fußnähe zwischen Wohnung und Büro macht es einfacher. Morgens konzentrieren sich im kurzen Zeitfenster von wenigen Stunden die Telefonate mit Europa. Ab 10 Uhr kommen idealerweise die Besucher, sei es aus Österreich oder Mexiko, oder stehen Besuche bei Firmen und Behörden in der Stadt an. Das will je nach Verkehrslage gut geplant sein. Um 14 Uhr gibt es ein kurzes Mittagessen zu Hause, dann bleiben am Nachmittag noch einige Stunden zum Aufarbeiten. Dass das nicht alles zum Alltag wird, dafür sorgen unsere Veranstaltungen und die Dienstreisen im  großen Betreuungsbereich: in Mexiko selbst vielfach mit dem Auto Abfahrt im Morgengrauen und Rückkehr spät nachts, sonst im Flugzeug im Radius von 2 bis 3 Flugstunden. Und 3 bis 4-mal im Jahr kommt Österreich hinzu, sei es zu einer Veranstaltung, Sprechtagsreise oder auch Heimaturlaub.

7. In welchen Ländern waren Sie schon und wo war es am spannendsten?

Ich war in Bulgarien, Saudi Arabien, dreimal in Spanien und nun eben Mexiko.

In Bulgarien Anfang der 80-er Jahre Zeitzeuge des letzten kommunistischen Jahrzehnts, im ersten Madrid-Turnus spanischer EU-Beitritt mit entsprechender Marktöffnung und Boom, in Saudi Arabien leider die Zeit des 1. Golfkrieges, in Barcelona in den 90-er Jahren österr. EU-Beitritt und Boom der Wirtschaftsbeziehungen und gegenseitigen Investitionen und in Madrid im letzten Jahrzehnt das spanische Wirtschaftswunder mit folgendem Absturz – fragen Sie mich nicht, wo es am Spannendsten war: ich möchte keine Erfahrung missen. Und Mexiko hält täglich neue überraschende Spannungen bereit.

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