Alles Bio: Von Dinkelmüttern und tätowierten Köchen

Weshalb Dänemark für unsere Lebensmittel „spænnende“ ist

Wo sind die Spelt Dads?

In Kopenhagen wohne ich på (auf) Østerbro’ – Ein Stadtteil nahe der Binnenseen, dem eine besonders hohe Dichte an „Spelt Mums“ (dänisch „Speltmor“) zugeschrieben wird: Eine leicht bissige Umschreibung besonders ambitionierter Mütter, die auf den Bio-Dampfer aufgesprungen sind und ihre Kinder fast schon pedantisch auf Öko-Essen und gesunde Nahrung konditionieren. Das „Spelt” steht für Dinkel, und der ist wiederum stellvertretend für das allgemeine G‘riss um gesundes Essen. Dass es den Ausdruck „Spelt Dads“ im fortschrittlichen Dänemark nicht gibt, vertieft meine Stirnfalten, soll aber an anderer Stelle diskutiert werden.

Hipsterfaktor Bio

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Wenig überraschend: Körner haben einen besonders hohen Bioanteil

Dass Dänen auf sich schauen, schlägt sich besonders stark in Auswahl und Sortiment in urbanen Gebieten mit höherer Kaufkraft nieder. Gesunde Nahrung ist gefragt – wenn möglich Bio, am liebsten regional, aber wenn’s hier nicht genug Angebot gibt, dann gern auch aus dem Ausland. Der Lebensmitteleinzelhandel reagiert, und der im internationalen Vergleich jetzt schon hohe Anteil an Bio-Produkten nimmt stetig zu. Wenn die Statistik nicht irrt, sind die Dänen Bio-Weltmeister mit dem höchsten Bio-Anteil am Gesamtumsatz im LEH.

2015 gaben Däninnen und Dänen knapp 940 Mio. EUR für Biolebensmittel aus, das waren beinahe 12% mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil von Ökowaren beträgt mittlerweile knapp 8,5% im Vergleich zu 3,5% vor 10 Jahren. Die Däninnen und Dänen beginnen vor allem dann, sich gesünder zu ernähren, wenn die ersten Kinder auf die Welt kommen. Am häufigsten greifen sie bei der beliebten isländischen Joghurtvariante Skyr, bei Zitronen, Getreide, Mehl, Eiern, Orangen, Butter, Milch und Karotten zur Bio-Alternative. Den meisten Ökoumsatz macht übrigens Dänemarks größte Diskonter- und gleichzeitig größte LEH-Kette Netto.

Soviel Butter aber irgendwie trotzdem gesund

Soviel Butter, aber irgendwie trotzdem gesund

Wer mit Euro bezahlt, lebt länger

Trotz der ganzen gesunden Ernährung hat die dänische Bevölkerung eine Lebenserwartung, die unter dem europäischen Durchschnitt liegt: 2014 wurden die Durchschnittsdäninnen und -dänen 80,7 Jahre alt. In der EU lebte der der durchschnittliche Bürger um 0,2 länger als Herr und Frau Jensen, Herr und Frau Huber aus Österreich sogar um 1 Jahr. In der Eurozone liegt die durchschnittliche Lebenserwartung überhaupt um 1,3 Jahre höher als in Dänemark. Dem Euro werden die Dänen wohl dennoch nicht so rasch beitreten; Sehr wohl aber legt die öffentliche Hand immer größeren Wert auf gesundes Essen, inklusive Bio-Initiativen in öffentlichen Kantinen.

Kulinarikhochburg KBH

Spätestens seit Noma mehrmals hintereinander zum besten Restaurant der Welt gewählt wurde, hat Kopenhagen den Ruf der kulinarischen Hochburg. Heuer wurden 26 Michelin-Sterne an dänische Restaurants vergeben, die meisten davon im Großraum Kopenhagen. Mit Geranium ist nun auch ein 3-Sterne-Restaurant dabei. Der Sterne-Trend beschränkt sich aber nicht mehr nur auf die Hauptstadt, sondern zieht immer weitere Kreise. Sterne gab es auch für drei Restaurants in Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks und Kulturhauptstadt 2017 und erstmals auch für Kulinariktempel auf dem Land. Die hippsten Lokale setzen auf hochqualtiative, oftmals regionale Zutaten und haben immer öfter auch ihre eigenen Gärten bis hin zu Tieren mit dabei.

Dänemarks Spitzenköche ziehen mit immer neuen Lokalen und Konzepten in den Bann und beeinflussen das allgemeine Interesse an gutem, qualitativem Essen. Subjektive Beobachtung: Der durchschnittliche Kopenhagener Koch ist männlich, trägt Hipsterbart, lässt über den Topf gebeugt eine signifikante Anzahl an Tattoos blitzen. Der bis vor Kurzem noch obligatorische Man-Bun scheint zwar passe, wurde aber mittlerweile von diversen anderen Modefrisuren inklusive Man-Braid abgelöst.

Achten Sie auf die Marke!

Ökozeichen, Schlüsselloch - kann nur gesund sein.

Ökozeichen, Schlüsselloch – kann nur gesund sein.

Dänische Haushalte kochen und backen gerne Rezepte nach, die es nicht selten zum freien Download gibt, beispielsweise vom Kochimperium Claus Meyers, der obendrein auch noch seinen Sauerteig verschenkt – natürlich alles Öko. Däninnen und Dänen fühlen sich besonders angesprochen, wenn sie bekannte Kennzeichnungen auf ihren Waren sehen. Die Ø-mærke, die nationale Kennzeichunng ökologischer Ware, erkennen laut Umfragen über 80% der Bevölkerung, weshalb einem das Ø-Zeichen im täglichen Leben auch immer und überall unterkommt: Auf Produkten im Supermarkt, auf Eingangstüren von Kaffeehäusern, in Speisekarten und sogar auf Würstelständen. Auch das Schlüsselloch-Zeichen, das die „gesündere Wahl“ identifiziert, beeinflusst die Däninnen und Dänen in ihrer Kaufentscheidung.

 

Die Chancen des Gemischten Satzes

Ein Ende des Bio-Trends ist nicht abzusehen. Auch die lokale Produktion fokussiert immer stärker in Richtung Bio, die stetig wachsende Inlandsnachfrage kann sie jedoch nicht abdecken. Der Lebensmittelmarkt ist hart umkämpft, bietet aber auch Qualitätsprodukten aus Österreich gute Chancen.

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„österreich vin“ – gleich bei uns ums Eck

So freue mich dann wie ein Kleinkind, wenn ich in einem der Supermärkte auf österreichischen Käse, Kernöl, Säfte oder Marmeladen stoße oder auf einer Weinkarte ein paar Kremstaler oder Burgendländer entdecke. Letzteres ist beim Essengehen sogar sehr wahrscheinlich, denn österreichischer Wein ist beliebt und darf im Weinsortiment eines guten Lokals nicht fehlen. Dabei bleibt es nicht beim klassischen Grünen Veltliner, sondern es ist durchaus hin und wieder etwas „Ausgefalleneres“ wie ein Gemischter Satz mit dabei. Das freut mich Wiener Kind natürlich besonders. Praktisch auch, dass der Weinhändler österreich vin, der die gehobene Gastroszene in Kopenhagen beliefert, in Fußnähe des AußenwirtschaftsCenters liegt.

Um die Möglichkeiten auf dem dänischen Lebensmittelsektor zu nutzen, haben wir wie vor kurzem einen „Austria Showcase Lebensmittel mit Bio-Fokus“ für österreichische Firmen organisiert: Hier konnten Produzenten ihre Produkte vor dänischen Großhändlern, Importeuren und LEH-Einkäufern präsentieren. Das kommt natürlich auch den persönlichen Bedürfnissen entgegen, denn bald ein größeres Angebot an Schokoladen, Käsen, Joghurts, Säften, Müsli und gesunden Snacks Made in Austria in dänischen Supermärkten zu bekommen, würde mich nicht nur im Dienste der Außenwirtschaft sondern auch als Konsumentin freuen.

 

 

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