Digitales Dänemark: Nummernziehen leicht gemacht

Kein anderes europäisches Land ist digital derart leistungsfähig. Schlagenstehen bei Behörden ist Vergangenheit, Wartenummern gibt's dafür beim Bäcker.

Alles Schall und Rauch?

Für Patientinnen wie mich brauchen dänische Ärztinnen geduldige Sprechstundenhilfen. Nachdem die mir für den Nachmittag versprochene elektronische Überweisung nicht und nicht in meiner Inbox eintreffen will und auch nirgendwo im Spam zu finden ist, rufe ich nochmals in der Praxis an. Sprechstundenhilfe Rasmus kann nicht nachvollziehen, weshalb die Überweisung überhaupt an meine E-Mail-Adresse gesendet werden solle und wird nochmals die Ärztin fragen. Meine voreilige Schlussfolgerung: Schall und Rauch, das mit der dänischen Digitalisierung. Das nächste Mal lasse ich mir wieder einen Überweisungs-Zettel geben.

Vernetzte Europameister

Reine Affektreaktion, denn dass die Digitalisierung in Dänemark mitnichten Illusion ist, davon kann sich eine in Kopenhagen lebende Wiener Skeptikerin täglich überzeugen. Däninnen und Dänen sind nicht umsonst Digitalisierungseuropameister. Kein anderes europäisches Land ist laut Digital Economy & Society Index (DESI) der EU digital so leistungsfähig.

Es gibt eine Digitalisierungsbehörde und seit 2001 regelmäßig ausgearbeitete Digitalisierungsstrategien, die zielstrebig umgesetzt werden. Snail Mail ist out. Dänische Behörden kommunizieren nur mehr elektronisch mit den Bürgerinnen und Bürgern. Rund 90% der Bevölkerung über 15 sind bei der digitalen Post angemeldet und verfügen über eine e-boks.

Von den rund 5,6 Mio. Däninnen und Dänen nutzen mehr als 4,6 Mio. die digitale Signatur NemID zur Authentifizierung bei öffentlichen Behörden und beim Online Banking. Die gesamte Verwaltung läuft elektronisch, das Nummernziehen beim Amt ist somit hinfällig. Damit die modernen Skandinavier aber doch nicht ganz vergessen, wie befriedigend es sein kann, in der Warteschlange den Aufruf der eigenen Nummer zu hören, ist die Nummernvergabe der letzte Trend beim Bäcker und im Eisgeschäft. Essen erfolgt zum Glück selbst in Dänemark weiterhin analog.

Portale in virtuelle Servicewelten

Das Bürgerportal www.borger.dk ist zentrale Anlaufstelle für Anliegen wie Karenzgeld- und Rentenantrag über Scheidungseinreichung bis hin zur Meldung eines Fahrraddiebstahls (obwohl das im least corrupt country bestimmt so gut wie nie passiert). Das Äquivalent für Unternehmen ist das Unternehmensportal www.virk.dk. Angefangen von der Firmengründung kann hier alles mit mehr oder weniger Mausklicks erledigt werden.

Im Gesundheitswesen setzt man ebenfalls auf Digitalisierung und Vernetzung: Über die Hälfte aller dänischen Krankenhäuser sind Teil eines gemeinsamen IT-Netzwerks. Ärztinnen und Ärzte, medizinisches Personal und Apotheken haben Zugriff auf die Profile ihrer Patientinnen und Patienten. Diese wiederum können über den Einstieg via www.sundhed.dk online einen Überblick über ihren Gesundheitsakt bekommen, Termine mit dem Hausarzt vereinbaren, Rezepte erneuern, Rechnungen abwickeln oder Adressen und Schwerpunkte von Ärzten einsehen. Aufgrund der Vernetzung gibt es keine Papierrezepte mehr. Man geht in die Apotheke des Vertrauens, gibt seine persönliche Personenkennzahl bekannt und erhält das Medikament dank online abrufbarer Verschreibung.

Selbiges Prinzip gilt auch für Überweisungen eines praktischen Arztes an einen Facharzt. Und ist dann auch des Rätsels Lösung für mein vergebliches Warten auf einen Überweisungsschein per Email, wie ein weiteres freundliches Telefonat mit dem geduldigen Rasmus ergibt. Die Überweisung können alle Fachärzte im System einsehen, egal, an wen ich mich schlussendlich wende.

Can I see your Yellow Card?

Däninnen und Dänen vertrauen in den Staat und sind es gewohnt, dass Ihre Daten elektronisch erfasst werden. Jeder Einwohner ist mittels CPR-Nummer (oben erwähnte Personenkennzahl) im zentralen Personenregister erfasst. Ohne diese vier-stellige Krankenversicherungsnummer ist man im Staate Dänemark regelrecht verloren: Adress-, Steuer-, Einkommens- und Gesundheitsdaten sind damit verknüpft; aber auch ein Mobiltelefon-Abo, das Einschreiben im Schwimmverein oder die Nutzung einer digitale Bezahlungs-App ist ohne Magic Number nicht möglich. Die Krankenversicherungskarte, auf der diese Personenkennzahl draufsteht, ist quietschgelb –Daher auch das Synonym „gelbe Karte“.

Und wo wir schon bei Bezahlungs-Apps sind – dazu gibt’s demnächst einen eigenen Blogbeitrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.