Viel Schwein nebst Top-Design

Über die Bedeutung von Fleisch, Skyr und urbanem Honig für Dänemarks Wirtschaft

Mit Design und Kerzenwachs zur Hygge

Sonnenstunden sind in Dänemark Anfang Dezember Mangelware, und mein Vitamin-D-Haushalt ist im Keller, dennoch wollen mittlerweile auch in Österreich alle „danishly“ leben, und die Hygge-Philie ist ausgebrochen. Ich führe das für’s Erste darauf zurück, dass soeben wieder ein Buch zum Thema erschienen ist, bunte Strickschals dankbare Weihnachtsgeschenke sind und Design-Kreativ-Sammelsurium Flying Tiger Copenhagen seine Pforten in Österreich eröffnet hat.

Aber richtig ist natürlich: Der durchschnittliche Kopenhagener Haushalt ist überdurchschnittlich einladend und ähnelt Seite 2 eines nordischen Einrichtungskatalog. Klassische Stücke dürfen in den für uns ungewohnt unbevorhangten dänischen Wohnzimmern nicht fehlen. Das warme Licht der PH Lampen [peˈhɔˀ] zählt ebenso dazu wie die allgegenwärtigen Kerzen (Fakt für das Hygge Lexikon: Däninnen und Dänen sind Europameister im Kerzenanzünden und haben den bei weitem höchsten Kerzenwachsverbrauch.)

Pro Dänin oder Däne: Zwei Schweine

Aber Dänemark kann viel mehr als Design und Hygge. Beispielsweise prägt eine lange Agrar-Tradition die Wirtschaft. Gut zwei Drittel der Flächen werden landwirtschaftlich genutzt, und Agrar- Produkte machen ein Viertel der Warenexporte aus. Besonders die Schweinezucht ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die pinken Vierbeiner sind den Däninnen und Dänen zahlenmäßig weit überlegen (12,3 Mio. versus 5,6 Mio.). Dänemark zählt weltweit zu den wichtigsten Schweinfleischexporteuren. Und immerhin kann auch Schweinebraten Teil des Hygge-Erlebnisses sein.

Schwergewicht Danish Crown ist das weltweit größte Schweinefleisch-exportierende Unternehmen und zählt zu Europas bedeutendsten Fleischverarbeitern. Im jütländischen Horsens betreibt man den modernste Schlachthof der Welt – Interessierte könne sich davon gerne via Hochglanz- online Videotour überzeugen, mit dem schicken Teaser: „00:47 – The day is over. But the slaughterhouse never sleeps”.

Von Kühen und Nerzen

Gewichtig ist auch Dänemarks Molkereiindustrie. Die schwedisch-dänische Genossenschaft Arla mit Sitz in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus ist die siebtgrößte Molkerei der Welt mit Vertrieb in 100 Ländern. In Dänemark ist Arla der absolute Platzhirsch, der Marktanteil liegt über 50%. Aus dem breiten Markenspektrum waren mir vor Antritt meines Danish Living nur die Lurpack und der nicht selten den Italienern zugeschriebene Castello bekannt.

In Österreich erregte zuletzt die Arla-sche Version des isländischen Skyr Aufsehen, die auch in Dänemark seit ein paar Jahren im Aufwind ist. Umsatz und Verbrauch sind stark gestiegen und jede(r) 20te isst Skyr täglich. Mit seinem hohem Protein- und niedrigem Fettgehalt hält er auch die Vikinger des 21. Jahrhunderts beim Hämmern und Traktorreifenrollen in den X-fit Studios bei Kraft und Laune.

Oft weniger bekannt: Dänemark ist der weltweit bedeutendste Produzent von Nerzfellen. Das international größte Auktionshaus für Pelze und globales Zentrum für Pelzhandel Kopenhagen Fur ist genossenschaftlich organisiert und gehört rund 1.500 dänischen Pelzzüchtern. Insbesondere Hong Kong / China sind gute Abnehmer: Nerzfelle sind derzeit Dänemarks wichtigster Güterexport in die Region. In Dänemark selbst scheint das Tragen von Pelz weniger kontroversiell als in manch anderen Ländern. Zwischen den Fahrrad-kompatiblen Mänteln sieht man dann auch die eine oder andere Dänin mit Pelzmantel oder – derzeit moderner – hüftlanger Pelzjacke. Mann im Pelz ist mir bisher keiner untergekommen – Im Zuge der Rückbesinnung auf Glam ist das aber wohl nur eine Frage der Zeit. Als Hygge-Accessoire würde ich einen Pelzmantel trotz zweifellos wärmender Wirkung aber dennoch nicht einstufen.

Urbaner Honig von fleißigen Stadtbienen

Es wäre nicht Dänemark, würde nicht ständig weiterentwickeln werden: Im Agro Food Park kümmern sich Wirtschaft und Wissenschaft um Agro-Innovation im urbanen Umfeld. Ein Konsortium aus Architekten hat einen Masterplan für eine Großexpansion des Parks ausgearbeitet, wo Urbanisierung und Landwirtschaft eng miteinander verbunden werden. Motto: Urban Farming. Lieblingslokal der Kopenhagener war letzten Sommer dann auch das Stedsans als Teil des ØsterGro-Rooftop-Bauernhofs mitten im Stadtteil Østerbro (Bezirk Neubau Kopenhagens). Dort werden fünf Stockwerke über einem Autoauktionshaus auf 600m2 Gemüse gepflanzt und geernet, Hühner gezüchtet und dank fleißiger Stadtbienen Urban Honey gewonnen.

Herning – Nabel der Welt

Wikinger-Kuh in Herning

Wikinger-Kuh in Herning

Zentrum der Leistungsschau des dänischen Agrarsektors sind aber weiterhin nicht die Dächer Kopenhagens, sondern die Agromek im jütländischen Herning, zu der ich Ende November fahre. Die 50.000 Einwohner Stadt trumpft nicht eben mit einer hohen Dichte an Nordic Cuisine und Kähler Vasen auf, ist dafür aber alle zwei Jahre Nabel der nordischen Landwirtschaftswelt.

An unserem österreichischen Gruppenstand nehmen fünf Firmen teil. Ziel ist, für ihre Biomassekessel, Precision Farming-Technologien, Milchzentrifugen und Futtermittelzusatzstoffe dänische Kunden und Partner zu finden. Erste Erfolgsnachricht vor Messebeginn: In Dänemark erhalten nicht nur für Top-Restaurants sondern auch Landwirtschaftstechnologien Sterne, und die Aussteller Windhager und Geoprospectors freuen sich über den Sterneregen der Agromek-Expertenjury.

Mähen, Pflügen, Ballen-Wickeln …

Österreichische Firmen sind auch abseits von unserem Gruppenstand gut vertreten. Besonders hoch ist die Dichte an österreichischer Heiztechnologie in der Energiehalle, und in den großen Maschinenhallen laufe ich in massive Made in Austria-Gerätschaften für’s Bewässern, Mähen, Rundballen-Wickeln, Pflügen und Frontladen. Landmaschinen und Espressomaschinen sind in Herning offensichtlich eine gute Paarung, denn Messestände mit Cafes sind besonders ausgelastet.

Weitere Beobachtungen während der Messe: Der schönsten Kuh ist ihr Preisgeld angesichts eines Strohballens recht unwichtig; Der John Deere Fan-Shop hat mehr Besucher als H&M an einem Samstag vor Ladenschluss und Traktorenkabinen gibt es nun auch mit Wireless Ausstattung.

2 comments

  1. Georg Bernhard
    Reply

    Besten Dank für diesen informativen Artikel, der deutlich macht, dass Österreich in Sachen „Hygge“ und Kerzenverbrauch noch aufzuholen hat.

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