Cherán: Mexiko ohne Parteien, Polizei und Kriminalität

Ein Sonntagsausflug zu den Gewinnern des „Energy Globe Award 2016“

 

Angel Chapina, derzeitiger Vorsitzender des Gemeindevermögensrates (Consejo de Bienes Comunales) vor der Baumschule

Angel Chapina, derzeitiger Vorsitzender des Gemeindevermögensrates (Consejo de Bienes Comunales) vor der Baumschule

Cherán – eine Stadt setzt auf Selbstverwaltung ohne Parteien und Polizei

Cherán ist eine Gemeinde auf 223 km2 und nur rund 18.000 Einwohnern, die in der Mehrheit dem Purépecha-Volk angehören, im Herzen des Bundesstaats Michoacán. Diesem eilt ein schlechter Ruf voraus, vor allem im von Bandenkriminalität geplagten Landesteil „Tierra Caliente“ (Heiße Erde). Lebensgrundlage der Bewohner waren seit Generationen die Harzgewinnung in den Pinienwäldern auf den bis 3.000 m hohen Berghängen und der Maisanbau im Tal auf 2.200 m Seehöhe. Fast gleich hoch wie die Einwohnerzahl ist die Zahl der Emigranten, die in den USA leben. Deren Überweisungen sind heute eine weitere wichtige Einnahmequelle.

Grund und Boden sind traditionell Gemeinschaftseigentum. Die Campesinos sind nur Besitzer des Teils, den sie bewirtschaften. Die Wälder sind generell Gemeinschaftseigentum. Die Abwanderung während Jahrzehnten führte zu einer Vernachlässigung der Wälder und des fruchtbaren Bodens. Der ideale Nährboden für kriminelle Kräfte: einerseits an der von Drogenschmugglern frequentierten Durchzugsstraße nach Norden gelegen, eröffneten die Banden im letzten Jahrzehnt als neues Geschäftsfeld illegale Holzschlägerungen. So hat Cheran 17.000 ha. Pinienwald verloren. Nach dem Kahlschlag wurden Avocados gepflanzt, das ertragreiche „Gold“ Michoacans, vielfach ebenso in versteckten Plantagen und von kriminellen Banden kontrolliert. Einschüchterungen der lokalen Bevölkerung, Entführungen, Schutzgelderpressung bis hin zu Frauenhandel und Prostitution waren an der Tagesordnung. Und der Ort musste um seine Trinkwasserversorgung bangen.

Entscheidendes Jahr 2011

Das alles hat sich 2011 radikal verändert und Cherán beweist, dass es auch anders geht. In einem von den Frauen des Orts getriebenen Aufstand der Bewohner wurden die Kriminellen besiegt und in einem Aufwasch die bisherigen Funktionsträger, die politischen Parteien und die Polizei aus dem Dorf verbannt. In 4 Bezirken bestimmen die Bewohner seither jeweils 3 Delegierte auf eine Funktionsdauer von 3 Jahren, die zusammen das Kollektiv des 12-köpfigen Gemeinderats bilden. Eine Ehrenschlichtungsstelle sorgt für Streitbeilegung unter den Bewohnern und bestraft kleine Delikte, wie Alkohol am Steuer, mit vorzugsweise Sozialarbeit. Größere Delikte werden an das Distriktsgericht in Zamora verwiesen – das war aber mangels Verbrechen in den letzten 5 Jahren in keinem einzigen Fall notwendig. Die BBC hat dazu einen interessanten Beitrag veröffentlicht (leider nur in spanisch).

Ejido VerdeDie Selbstverwaltung nach traditionellem Brauch ist mittlerweile auch staatlich anerkannt. Cherán führt seine Steuern an den Staat ab und bekommt auch bedeutende Investitionen in Infrastruktur und Schulen zurück. Eine Fachhochschule ist gerade im Bau. 4 Kommunalbetriebe (Forst, Sägewerk, Harzdestillation und ein Steinbruch) geben der Bevölkerung gesicherte Arbeit. Für die Wiederaufforstung und Harzgewinnung hat man sich als Partner niemand anderen als die Vereinigung der mexikanischen Harzindustrie mit ihrem Projekt „Ejido Verde“ ausgewählt.

 

 

 Gewinner des Energy Globe Award Mexico 2016

Das Projekt „Ejido Verde“ hat 2016 den österreichischen Energy Globe Award gewonnen. Die mexikanische Harzindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel an Produktionsvolumen eingebüßt. Um ihre eigene Existenz zu sichern, wurde eine Union mit den Wald- und Bodenbesitzerkommunen geschlossen. Die Vereinigung der Harzindustrie gibt den Kommunen Mikrokredite zur Vorfinanzierung der Wiederaufforstung, unterstützt sie bei der Aufzucht der Pflanzen und bei der Ausbringung im Wald. Sobald die Bäume nach etwa 10 Jahren Ernte tragen, nimmt die Vereinigung das Harz zu einem festen Preis ab, aus dem Erlös bezahlen die Kommunen die Mikrokredite zurück. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Cherán ist das bisher erfolgreichste Projekt: mit bisher 3.000 ha konnte ein gar nicht so kleiner Teil der im letzten Jahrzehnt verloren gegangenen Waldfläche wiedergewonnen werden.

Preisverleihung des Energy Globe Award 2016 im AC Mexiko

Bei der Preisverleihung im Juni im AussenwirtschaftsCenter Mexiko kamen die Vertreter des Purepecha-Volks eigens 350 km in die Hauptstadt gereist, um die Urkunde zu übernehmen. Und sie erzählten überzeugend von ihren Erfolgen und von ihrer Heimat, sodass es ein Leichtes war, ihre Einladung zu einem Gegenbesuch zu akzeptieren.

Ein Sonntagsausflug im November

Ende November war es dann soweit. Von der Hauptstadt Michoacans – Morelia – machten wir uns an einem Sonntagmorgen pünktlich um 8 Uhr auf den Weg. Für die rund 100 km hatten wir 2 Stunden eingeplant, die letztlich zu dreieinhalb Stunden wurden. Wir – der Franzose Frederic Sauze, Generaldirektor der Andritz Hydro-Niederlassung in Morelia und seine Frau, der chilenische Forstwirt Renato Gustavo Satta, seit einigen Monaten technischer Leiter des „Ejido Verde“ und seine Frau, und der Autor mit Frau. Wir hatten uns natürlich vorher über die Sicherheitslage erkundigt – kein Problem, allerdings An- und Abreise bei Tageslicht wurde dringend empfohlen. Und so ging es auf den ersten 70 km auf einer bestens ausgebauten Landstraße vorbei an gepflegten Feldern und netten Dörfern. Die Ortsdurchfahrten waren allerdings wegen Umzügen zeitraubend – schließlich war der 20. November Feiertag der mexikanischen Revolution.

Und dann ändert sich das Straßenbild von einem Dorf zum nächsten – auf den letzten 30 Kilometern weniger gepflegte Felder, arme Siedlungen, Müll am Straßenrand, Autowracks und Bordelle entlang der Hauptstraße. Und dann kommen wir nach Cherán: Bewaffnete Kontrollposten der Kommunalwache am Ortseingang wollen wissen, wohin wir fahren und was wir in Cherán wollen. Eine kurze visuelle Kontrolle, nicht mehr, dann werden wir durchgelassen. Aber die Kontrolle wirkt – Cherán ist seit 5 Jahren frei von organisierter Kriminalität.

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Gedenktafel am Gemeindehaus für den ersten Gemeindevermögensrat, darunter Opfer im Kampf gegen die Banden

Treffpunkt Gemeindehaus

Ein paar hundert Meter weiter liegt der vereinbarte Treffpunkt mit unseren Gastgebern, das Haus des Gemeindevermögensrates: hier werden das Gemeindevermögen und die gemeindeeigenen Betriebe von den Stammesdelegierten verwaltet. Ein schmuckes Häuschen. Rundherum Baumstämme und Schnittholz – konfisziert, weil ohne Genehmigung geschlagen, wie wir bald erfahren. Auch Einheimische müssen um Genehmigung des Rats ansuchen, wenn sie Brennholz aus dem Wald holen.

Fachmännisch und mit erkennbarem Stolz führen uns Angel Chapina, derzeitiger Vorsitzender des Gemeindevermögensrates (Consejo de Bienes Comunales) und David Romero, Betriebsleiter der Harzdestillerie, durch das Gelände.

Junge Pinienbäume als Zukunftssicherung

Und rundum auf teils steilen Hängen gepflegte Pinienwälder, der eigentliche Reichtum der Purépecha, liefern sie doch das begehrte Harz. Wir machen uns auf den Weg zu einer Wiederaufforstungszone. In mehreren geländetauglichen Wagen geht die Fahrt zuerst durch die Stadt Cherán – nicht reich, aber sauber und gepflegt, mit 32 Schulen und gemeindeeigenen Spital, keine Autowracks und Bordelle – etwa 5 km hinauf auf eine Hochebene mit Mischkultur – Maisfelder und Pinienwälder, wo wir den Erfolg des Projekts live erleben dürfen. Die Bäumchen sind schon über einen Meter hoch, der Boden rundherum wird gepflegt und gesäubert und gedüngt. In spätestens 10 Jahren wird ein Wald daraus und die Bäume liefern Harz.

Auffallend für den Besucher: die gesamte Gegend ist menschenleer, kein Bauernhaus weit und breit, nur da oder dort ein Speicher oder Geräteschuppen. Die Menschen sind im letzten Jahrzehnt aus Sicherheitsgründen alle in den Ort gezogen, die Hälfte davon hat Grund und Boden Richtung USA verlassen, viele davon für immer. Frage an den Stammesführer: und wenn sie von der neuen US-Administration alle zurückgeschickt werden, was dann? „Hoffentlich kommen sie wieder, hier gibt es genug Arbeit in den Wäldern und auf den Feldern!“

IMG_7315Spätes Mittagessen

Mittlerweile ist es 3 Uhr Nachmittags und der Hunger stellt sich ein. Also Aufbruch zum Mittagessen, wieder durch den Ort und einige Kilometer außerhalb liegt neben der Landstraße auf der einen Seite die neue Fachhochschule und auf der anderen Seite eine Touristenanlage mit Restaurant, Spielplatz und einigen Ferienhäusern. Das Restaurant ist voll ausgebucht. Schließlich macht man uns in einer Baracke nebenan einen Tisch bereit und gegen 5 erfreuen wir uns an einem hervorragenden Mittagessen mit allem was die lokale mexikanische Landküche zu bieten hat und ohne Tequila. Gastfreundschaft pur. Allerdings bleibt uns nur eine knappe Stunde dafür – um halb 7 wird es finster und da sollten wir schon wieder außerhalb der kritischen 30-km-Zone sein. Es wird knapp, aber wir kommen gegen 9 unbeschadet zurück in die Hauptstadt Morelia.

Ein unvergesslicher Tag. Mexiko anders, fernab aller Klischees. Ein Beweis, dass es auch anders geht. Menschen, die ihre Wurzeln nie verloren haben und ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben. Und es bleibt nur zu wünschen, dass das Modell sich als nachhaltig erweist. Dass die enge Zusammenarbeit mit der Harzindustrie ein langfristiger Erfolg wird. Der Energy Globe Award ist jedenfalls zu einem guten Zeitpunkt am richtigen Platz gelandet – internationale Anerkennung stärkt das Selbstbewusstsein und schützt in gewissem Grad auch vor leichtfertigen Übergriffen. Und viele Dörfer in dieser Gegend könnten sich ein gutes Beispiel nehmen.

Wussten Sie, das Mexiko 2016 gemeinsam mit Australien zu den am stärksten wachsenden Exportmärkten Österreichs gehörte? Mehr dazu finden Sie im aktuellen AUSSENWIRTSCHAFT UPDATE Mexiko.

2 comments

  1. Monika Schlapsi
    Reply

    Bin leider erst jetzt zum Lesen gekommen. Ein ausgesprochen interessanter Artikel, der mich dazu animiert, meine letzten Spanischkenntnisse zusammenzukratzen und auch den BBC-Artikel zu lesen (bzw. es zumindest zu versuchen).

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