Auf Besuch im Nordatlantik

Ein Update zu isländischen Baukränen, Multifunktionsjacken und Kapitalverkehrskontrollen

März ist’s – von Frühlings Erwachen im Norden keine Spur. Dafür Zeit für meine traditionelle Kontaktreise nach Island – Der kleine, hyperaktive Markt im Nordatlantik, den wir von Kopenhagen aus betreuen. Die Moonboots lasse ich zu Hause, denn die 51cm Schnee, die den Großraum Reykjavik in der Vorwoche über Nacht verschüttet hatten, sind zum Großteil wieder weggeschmolzen.

Frühlings Erwachen?

Mein Flieger ist voll mit asiatischen Urlaubern, denn der Tourismusboom kennt keine Nebensaisonen mehr. Es sind nicht mehr nur Amerikaner, Briten, Deutsche und Holländer, die Vulkanen, Hotpots und Geysiren frönen. Auch viele Besucher aus Fernost suchen Nordlichter und finden Blue Lagoon-Schlammmasken und Schafwollpullover. Die freundliche Stewardess weist mich einer koreanischen Reisegruppen zu, bemerkt aber recht schnell den Irrtum, stehe ich doch ohne Bergschuhe und Multifunktionsjacke aus der Gruppe heraus.

Mit isländischer WOW Air in den Nordatlantik

Brummender Konjunktur-Geländewagen

Bevor es losgeht, ein paar Wirtschafsdaten: Der Konjunktur-SUV (auf Island gibt es keine Eisenbahn) brummt auf Hochtouren, die Wirtschaft ist im Vorjahr um erstaunliche 7,2% gewachsen, die Arbeitslosigkeit beträgt nur mehr 3%. Zu verdanken ist das dem Tourismus, der minütlich Rekorde bricht. Rund 1,77 Mio. Touristen waren es 2016, um 40% Prozent mehr als im Jahr zuvor. Für heuer prognostiziert die Íslandsbanki 2,3 Mio. Besucher. 40% aller Autokäufe gingen letztes Jahr auf die Rechnung von Verleihfirmen. Der Besucheransturm lässt die Krone anziehen und stärkt die Kaufkraft. Die Investitionen sind 2016 stark gewachsen, ebenso der Privatkonsum, der abgesehen vom Vorkrisenjahr 2007 zuletzt sein stärkstes Jahr hatte. Wie managen die rund 330.000 Isländerinnen und Isländer diesen Ansturm?

Vorsicht, Baustelle!

Jedenfalls mit einer Aufstockung an Tourismusinfrastruktur. In Island wird viel gebaut. Nach Ankunft am internationalen Flughafen Keflavik laufe ich mehrmals in diverse Holzverkleidungen, auf denen in bunten Farben auf das Erweiterungsprojekt hingewiesen wird. Dass ich sie dennoch „übersehe“, liegt an meiner Unart, im Gehen Smartphone zu lesen, wie ein Mitreisender zu seiner Frau bemerkt. Während der Busfahrt Richtung Hauptstadt stechen die zahlreichen Baustellen im Lavafeld ins Auge, und in Reykjavik selbst ist die Skyline von Baukränen geprägt.

Konzerthaus Harpa im Schatten des Krans

Bauprojekte gäbe es im ganzen Land, meint am nächsten Tag mein Gesprächspartner bei der Occupational Health and Safety-Behörde. Neben Kaffee und Kuchen bekomme ich von ihm einen guten Überblick über die isländische Bauwirtschaft und laufende Großprojekte wie die Erweiterung des Wasserkraftwerks Burfell für die Installation einer zusätzlichen 100 MW-Turbine. Er zeigt mir ein youtube-Video des Projekts, das mit dramatischer Klaviermusik hinterlegt ist (Engineering und klassische Musik passen eigentlich gut zusammen). Island ist führend in der Nutzung erneuerbarer Energieressourcen, hat riesige Geothermie- und Wasserkraftwerke und kann so seinen gesamten Energiebedarf auf saubere Art und Weise decken.

Innovation und Ecobeton

Ich stelle beim Innovation Center Iceland die Innovationsagenden des AußenwirtschaftsCenters Kopenhagen vor. Im Gegenzug erfahre ich, dass mit CCP eine DER international führenden Gaming Firmen in Island sitzt und einige erstklassige Virtual Reality Firmen im Sog hat. Außerdem forscht in der Uni nebenan der Top-Experte für Beton. Seine Eco-Beton Entwicklung klingt spannend, notiere ich old school mit BIC-Kugelschreiber auf kariertem Block.

Mit unserer Vertrauensanwältin bespreche ich später aktuelle rechtlichen Rahmenbedingungen, die Möglichkeit eines Doing Business in Island-Webinars und kreative Lösungsansätze, um möglichst viele Urlauber auf möglichst kleinem Raum unterzubringen, ihnen dabei aber dennoch die Annehmlichkeiten eines privaten TV-Screens zu bieten: Geschehen/Gesehen via Sleeping Pods auf den Westman Inseln.

Ich besuche die Kolleginnen und Kollegen von Invest in Iceland und Promote Iceland, die mich über den Letztstand bei den Kapitalverkehrskontrollen, Lieferanten von Eiderdaunen und den Golden Egg StartUp-Wettbewerb informieren. Während vor meinem geistigen Auge ein isländischer Hipster mit Bart, Skinny Jeans und einem riesigen goldenen Ei in Händen aufsteigt, erfahre ich auch vom Einzug von CostCo und H&M in Island, die den lokalen Einzelhandel ordentlich aufwirbeln.

Diversität in der Autowaschanlage

Mit dem Icelandic Tourist Board diskutiere ich die positiven Seiten, aber auch die Herausforderungen des Tourismusbooms für Island. Einerseits dynamisiert er die Wirtschaft, und die Isländerinnen und Isländer freuen sich über das Leben, die Diversität und das große Angebot an neuen Cafes, Restaurants und Shops, die die spätestens nach dem 2ten Reisetag in 66°North-gekleideten Urlauber mit sich bringen. Ebenso profitieren viele abgelegene und einst verschlafene Orte von den Besuchern, die es irgendwie auch in die letzten Ecken der Insel schaffen.

Isländischer Kälteschutz – Touristen-Kultmarke 66°North

Aber die Kehrseite der Entwicklung kommt ebenfalls zur Sprache – Die Zahl der Hotelbetten wird dem Touristenansturm nicht gerecht; die zu Hauf angebotenen Privatunterkünfte beeinträchtigen die Bevölkerung mit Wohnungsverknappungen und Preissteigerungen. Die Straßen, über die mittlerweile nicht nur die isländische Bevölkerung, sondern auch hunderttausende Touristen brettern, zeigen Abnutzungsscheinungen. Nicht immer sind Urlauberinnen und Urlauber respektvoll, schlagen ihre Zelte nach Zufallsprinzip auf, zerstampfen abseits der Pfade die isländische Flora, hinterlassen Müll oder nutzen öffentliche Schwimmbäder für Körperhygiene. Die Verwechslung einer Autowaschanlagen mit einer Dusche ist photographisch dokumentiert.

Ein Superkrankenhaus für Reykjavik

Von den Projektmanagern des Ausbaus des Nyr Landspitali erfahre ich über den Fortschritt beim Bau des Superkrankenhauses und bekomme Informationen zu einigen offenen Requests for Information für die Spitalslogistik.

Reykjaviker „Monument to the Unknown Bureaucrat“

Dann ein Gespräch mit einer von Islands größten Ingenieursfirmen, die beim Bau von Hotels in Holzbauweise mit Österreich kooperiert, bevor ich bei der City of Reykjavik zum Abschluss ein Briefing über die CO2-Ziele der Stadt, den IKT-Cluster und die neuen Filmstudios bekomme. Ich übergebe die letzte Packung Mozartkugeln, die ich im Duty Free am Flughafen in Keflavik als Mitbringsel besorgt hatte.

Im Rathaus nutze ich die Gelegenheit für meine eigene Request for Information beim permanent eingerichteten Schalter von safetravel.is, die Touristen über die isländischen Wetterbedingungen informieren. Was liegt an den Gerüchten, dass übernacht ein mächtiger Sturm käme? Und was bedeutet das für meinen Rückflug? Die Dame am Schalter möchte wissen, mit welcher Airline ich fliege. Als ich meine, „Iceland Air“, meint sie, es gäbe keinen Grund zur Panik, Iceland Air fliege immer. „Immer? “ – „Immer.“

Adieu, Kapitalverkehrskontrollen

1.600 ISK für die 80g Tafel. You do the maths.

Kurz nach meiner Rückkehr war das kleine Island zahlreichen internationalen Medien eine große Schlagzeile wert: Am Sonntag, den 12.03. gab der Finanzminister die endgültige Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen bekannt. Sie waren 2008 im Zuge der Finanzkrise verhängt worden. Im Laufe 2016 hatte es bereits teilweise Lockerungen gegeben. Nun haben Bürger, Unternehmen und Pensionsfonds wieder vollen Zugang zum globalen Kapitalmarkt. Man hofft, dass der Aufwertungsdruck auf die isländische Krone, die im letzten Jahr um 18% gegenüber dem Euro aufgewertet hatte, etwas nachlässt. Am Montag nach Verkündung gab die Krone dann auch um einige Prozent nach. Meine in einem Anfall von Duty-Free-itis sehr teuer erstandene Tafel isländischer OmNom Schokolade, die ich während des Blog-Schreibens verdrücke, wäre heute billiger gekommen.

 

2 comments

  1. Monika Schlapsi
    Reply

    Liebe Cosima,
    dein Beitrag ist interessant und zugleich sehr unterhaltsam – wie immer. Da du auf das „Monument to the Unknown Bureaucrat“ nicht näher eingegangen bist, musste ich ihn googlen. Ist wohl eines der ungewöhnlichsten Monumente weltweit ….,
    Liebe Grüße
    Monika

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