Wiese contra Wolkenbruch

Lebensqualität schlägt Klimawandel

Lebensqualität schlägt Klimawandel

Sommer sind in Dänemark die schönsten dreieinhalb Wochen im Jahr. Somit tue ich es den Däninnen und Dänen gleich, verfolge jeden Sonnenstrahl und verbringe an sonnigen Wochenenden den Großteil des Tages unumgeben von jeglichen vier Wänden.

MA48 inspiriert

urbane Fassaden-Flora & Fauna

Das erste richtig sommerliche Wochenende nutze ich für einen Besuch von urbanen Begrünungs- und Klimaadaptions-Projekten der dänischen Hauptstadt. Ganz Copenhagen-style, also per Drahtesel. Meine Ausfahrtseuphorie rührt nicht nur vom plötzlichen Sommereinbruch, der Kopenhagen praktisch über Nacht in ein Knallgrün getaucht hat. Ich bin auch noch voll der Inspiration von der „Green Infrastructure Tour“, die ich im Zuge der Future of Building Konferenz durch Wien gemacht habe – Flora- und Faunadiskussion der MA 48er Fassade inklusive. Jetzt bin ich auf die Kopenhagener Äquivalente gespannt.

Kopenhagen will bis 2025 CO2-neutral sein, und das mithilfe eines ehrgeizigen Stadtplanungs- und Green Living Konzepts. Dazu gehören auch die seit einiger Zeit stark forcierten Klimaadaptationsprojekte.

Blau-Grün für Klimaadapation

Seit 2011 ein Super-Wolkenbruch ganze Teile Kopenhagens innerhalb von drei Stunden komplett überschwemmt und einen Schaden von knapp 800 Mio. EUR verursacht hatte, gibt es einen Cloud Burst Management Plan mit rund 300 standortbezogenen Projekten. Straßen werden angepasst und Tunnel und Kanäle gebaut, um mögliche Springfluten abzuleiten. Dazu kommt „blau-grüne“ Infrastruktur, die als Wasserauffangbecken dient und hilft, die Luftqualität zu verbessern, Biodiversität zu fördern und Hitzeinseln zu vermindern; und obendrauf ganz herrliche Picknick-Plätze für die outdoor-affinen Kopenhagenerinnen und Kopenhagener bietet.

Mein erster Stop ist am St. Annae Platz nahe dem Touristenmagneten Nyhavn. Der gesamte Platz wurde zum Schutz vor den möglichen Wolkenbruchs-Wassermassen umgestaltet. Parallel zum Bau einer neuen unterirdischen Garage sind hier Grünareale mit Spielplätzen entstanden, der Gegenverkehr wurde durch eine verkehrsberuhigte Zone ausgetauscht. Cafes und Bars umsäumen die tiefergelegten Grünflächen, darunter auch eine Filiale der dänischen Kette Joe & The Juice – der Abercrombie and Fitch unter den Juice&Sandwich-Bars. Im Falle eines Mega-Wolkenbruchs soll der gesamte Platz zu einer Wasserableitung Richtung Hafen werden. Die Autos in der unterirdischen Parkgarage würden dann wohl unter Wasser stehen – Wäre man wohl besser Fahrrad gefahren.

Taasinge Plads – Mittagessen am Grashügel

Nächster Halt ist das Klimaquartier im Stadtteil Østerbro, wo zwischen Betonschluchten neue Grünzonen geschaffen werden. Sie bieten attraktiven Lebensraum und können gleichzeitig große Regenmengen bewältigen. Der Tåsinge Platz ist der erste klimaadaptierte städtische Raum, der in Kopenhagen fertiggestellt wurde. Alles sehr idyllisch, vom Regen zum Glück derzeit keine Spur. Stattdessen essen ein paar Däninnen und Dänen auf dem kleinen künstlichen Grashügel zu Mittag. Drinnen bleiben will bei dem Wetter wirklich niemand.

Energie – und Fitness-Lab im ehemaligen Hafen

Weiter geht’s nach Nordhavn, ein Hafenviertel, das zu einem hypermodernen Stadtteil revitalisiert wird und gleichzeitig als Energylab dient. Hier werden die neuesten Smart City Technologien und die Integration erneuerbarer Energie in die urbane Infrastruktur real time getestet. Ich teste auch, und zwar meine Fitness beim Konditaget Lüders, einem öffentlichen Platz auf dem Dach des Nordhavner „Parkhauses der Zukunft“, der neben einem Traumausblick auf den Hafen auch einen gesamten Sportplatz bietet, Geräte inklusive.

Zeitmessung auf der Lobetrappe

Der Eintritt ist frei, einziges Hindernis ist die Lüders Løbetrappe (Lauftreppe) auf‘s Dach hinauf – Diese ist schon ein Fitnessgerät per se: Dank Zeitmessungsgeräten kann man gegen die Uhr laufen. Oder auch gegen eine 7jährige Dänin, gegen die ich keine Chance habe. Bin halt doch Wienerin und nicht Wikingerin.

 

CPH Skyline: Windmühlen, Müllverbrennungsanlage, Skipiste

A propos Sport auf Dächern – vom Parkhaus aus hat man einen guten Blick auf die andere Hafenseite, wo mit der Amager Bakke gerade eine moderne Müllverbrennungsanlage cum Skipiste entsteht. Ende 2017 wird das neue Naherholungsgebiet der Kopenhagener eröffnet, mit Möglichkeiten zum Skifahren, Wandern und 80m Kletterwand. Für die Piste hat man sich aus Nachhaltigkeits-Gründen für einen Plastikbelag anstelle von Kunstschnee entschieden.

Radelt man in Kopenhagen schneller?

Nach meinem Gesichtsverlust auf der Løbetrappe entscheide ich mich für ein paar weitere Fahrradkilometer und begutachte Kopenhagener Mobilitätsinitativen. Copenhagenize ist mittlerweile Synonym für eine Stadtentwicklungsstrategie, die Radfahrern den Vorrang gibt und die Menschen motivieren soll, das Fahrrad als Transportmittel zu wählen.

Die vielen modernen Fahrradbrücken, die die beiden Seiten des Hafenbeckens miteinander verbinden und die bis zu 5m breiten Radwege machen das Meyers Bike auch zu meinem attraktivsten Fortbewegungsmittel. Jedenfalls im Sommer; und wenn es nicht schüttet.

Nur Beamen ist schneller

Gemäß Googles Routenplaner ist das Fahrrad innerhalb Kopenhagens oftmals das effizienteste Fortbewegungsmittel . Zu bedenken ist aber, dass die Durchschnittskopenhagener im Stadtverkehr ordentliche Tretgeschwindigkeiten vorlegen. Unterbieten konnte ich die Google Vorgaben bisher nur selten.

Cool Construction

Auch ein beachtlicher Ausbau der Metro soll den Umstieg auf emissionsfreie Verkehrsmittel erleichtern. Die vielen Baustellen für die Cityring Linie prägen derzeit das Stadtbild und können schon auch einmal nerven, wenn sie die flüssige Fahrradfahrt beeinträchtigen. Aber es wäre nicht Dänemark, wären nicht selbst die Baustellen hip: Mit ihrem Cool Construction Projekt erklärte die Metrogesellschaft unattraktive Baustellenwände einfach zu Urban Labs.

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