Die Metropole Mexiko im Hochhausfieber

Stadtplaner auf der Suche nach Ideen beim Lateinamerikatag und der Future of Building-Konferenz in Wien

Architekt Salvador Núñez vor seiner Paradebaustelle „Chapultepec Uno“; Photo by Friedrich Steinecker

Heute ist wieder mein Lieblingsthema am Tapet: Stadtplanung und Architektur in der Metropole Mexiko mit 25 Mio. Einwohnern. Ich lebe jetzt seit fast 4 Jahren hier und ich bin immer noch fasziniert, dass ich mich in der Stadt doch irgendwie bewegen kann. Dass es ernsthafte Bemühungen gibt, die Lebensqualität der Stadtbewohner zu verbessern, sodass sie weniger als die heute durchschnittlich 35 Tage im Jahr im Verkehr stecken, daran besteht kein Zweifel. 5 prominente mexikanische Stadtplaner und Architekten kamen aus Anlass des Lateinamerikatages am 15. Mai und der „Future of Building“-Konferenz am 17. Mai, beides in der WKÖ, nach Wien und es bot sich eine Fülle an Gelegenheiten, sowohl um Mexiko als Land in den Blickpunkt zu rücken, als auch für einen Erfahrungsaustausch im Detail zu Smart Cities und was immer unter diesem Begriff subsummiert wird.

Der große Lateinamerikatag

Mit EUR 940 Mio. an österreichischem Warenexport ist Mexiko nicht nur klare Nummer 1 in Lateinamerika, sondern steht für insgesamt 40 % unseres gesamten Exportvolumens in die Region. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit unter den 300 Besuchern.  Spannend das Match zwischen Mexiko und Brasilien, die als Gegenpole nicht unterschiedlicher sein könnten: Mexiko als eine der offensten Volkswirtschaften der Welt ein überzeugter Verteidiger des Freihandels und Brasilien am Weg aus einer tiefen Krise stark auf seinen Binnenmarkt ausgerichtet.

Starke mexikanische Präsenz in Wien

Folgende 5 Persönlichkeiten aus Politik, Stadtplanern und Architekten holten sich in Wien Ideen und Inspiration:

Und ihr Anliegen in Wien?

Ein neuer Großflughafen für 120 Mio. Passagiere pro Jahr ist in Bau und wird irgendwann Anfang des nächsten Jahrzehnts in Betrieb gehen. Dort ist soweit alles durchgeplant, also für Stadtplaner schon längst abgehakt. Geologen und Baufirmen müssen sich mit den Problemen auseinandersetzen, 4 Pisten von 6 km Länge auf ehemaligem Seegrund auf Dauer flach hinzukriegen. Der neue (NAICM) und der alte (AICM) Flughafen sind nicht weit voneinander entfernt. Am Tag der Inbetriebnahme des neuen Flughafens wird der Alte für immer stillgelegt.

Und damit sind mit einem Schlag 700 Hektar mitten in der Stadt frei. Eine Jahrhundertchance für Stadtentwicklung von Mexiko: genau das war der Grund des Besuches in Wien – die Ideensammlung für die Entwicklung dieses Geländes. Termine mit dem Stadtplanungsdirektor der Stadt Wien, mit Universitätsprofessoren der TU, Besuch des Erste-Campus und des Nordbahnhofareals und natürlich in der Seestadt Aspern hinterließen bleibenden Eindruck. Wenn auch die horizontale Entwicklung Wiens nicht das Gelbe vom Ei sein kann, wie uns Architekt Salvador Núñez Guzmán im folgenden erklärt.

 Archtekt Salvador Núñez Guzmán zu Wien und der Metropole Mexiko …

„Während Wien mit ca. 2 Mio. Einwohnern horizontal wächst, nähert sich der Großraum Mexiko ausgedehnt auf über 42 km an 25 Mio. Bewohner an.“ – Salvador Núñez

Damit kann man sich nicht mehr von einem Ende der Stadt zum anderen bewegen. Das weitere Wachstum kann daher nur im Wege einer verdichteten Bauweise im schon bebauten Gebiet geschehen. Eine Verbesserung der Funktionsweise der Stadt geschieht über gemischte Zonen, um den Bewohnern weite Wege von der Wohnung zum Arbeitsplatz zu ersparen.

Das neue Konzept wird insbesondere entlang der Hauptarterie Paseo de la Reforma sichtbar, die die notwendige Infrastruktur zum Verkraften des Wachstums hat. Links vorne: Fotomontage vom fertigen Turm „Chapultepec Uno“; Photo by Taller G

Vor 14 Jahren wurde mit der Torre Mayor der erste Hochhausturm verwirklicht. Mittlerweile sind 2 weitere fertiggestellt (siehe meinen Blogbeitrag zur „Torre Reforma“ aus dem Vorjahr), einer in Bau und mindestens 2 weitere in Planung.

… und sein Prestigebau „Chapultepec Uno“

“Chapultepec Uno” ist jenes Gebäude, das gerade hochgezogen wird und zu einer Veränderung der Wahrnehmung des Stadtbildes von Mexiko beitragen wird. In diesen Tagen wird am Ausbau der Stockwerke 32 bis 35 gearbeitet. Ende 2018 wird das Gebäude mit 58 Stockwerken fertig sein. Die Verdichtung erreicht den möglichen Maximalgrad: die Nutzfläche ist 38 mal größer als die Bauparzelle: auf 2.000 m2 Grundfläche kommen inklusive Tiefgeschossen (700 vollautomatisierte Parkplätze) rund 100.000 m2 Nutzfläche. Der Turm wird 4 verschiedene Nutzungen haben: Büros im unteren Teil, ein Luxushotel Ritz-Carlton im mittleren Teil, Wohnungen und Restaurants im oberen Teil. Mit einer Höhe von 241,6 Metern wird es das zweithöchste Gebäude der Stadt.

Besuch auf der Baustelle

Bauträger ist die Grupo T69, einer Allianz der Grupo Marca und Grupo Arquitectoma. Das Architekturbüro TALLER G, geleitet von den Archtitekten Carlos Fernández del Valle und Salvador Núñez und der Architektin María del Carmen Zeballos, hat geplant und setzt um.

“Wenn das Gelände des alten Flughafens in Stadtzentrumsnähe frei wird, können wir eigentlich nur an eine vertikale urbane Lösung denken“ – Salvador Núñez.

 Dialog mit Wien steht am Anfang

Trotzdem: auch wenn Wien für vertikale Verdichtung nicht Vorbild sein wird, bleiben viele spannende Themen unter dem Schirmbegriff einer Smart City: intelligentes Bauen, Verkehrslösungen, Energieeffizienz, soziale Inklusion und so weiter. Der Dialog mit Wien hat nach einstimmiger Meinung aller 5 Besucher erst begonnen. Schließlich kann man sich nicht von einem Stadtkonzept abwenden, das von Mercer in Serie zur lebenswertesten Stadt der Welt erkoren wird.

Lust auf mehr Lateinamerika?

Von 19.6. bis 7.7. sind alle Wirtschaftdelegierten aus Lateinamerika aus Anlass der Aussenwirtschaftstagung auf Sprechtagstour durch Österreich und natürlich auch beim großen Österreichischen Exporttag am 26.6. in der WKÖ anwesend.

Und im Herbst erwartet Sie das Austria Connect Lateinamerika in Bogotá / Kolumbien: eine hervorragende Netzwerkveranstaltung, die Sie nicht versäumen sollten. Datum bitte vormerken: 8. bis 10. Oktober 2017.

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