Summer in the bike City

Die Hassliebe der Shanghaier zu ihren City-Bikes

Wenn in China ein Fahrrad umfällt…

Kommt Ihnen der Satz bekannt vor? Bis vor kurzem hatte der Spruch jegliche Daseinsberechtigung verloren. Als ich 2015 in Shanghai ankam, fiel mir sofort auf, dass kaum mehr Fahrräder in der Stadt unterwegs sind. Bei meinem ersten China-Aufenthalt vor 10 Jahren in Peking waren noch einige Drahtesel unterwegs. 2015 dominierten dann aber Elektroscooter das Straßenbild. 2016 erschienen sie dann das erste Mal auf Shanghais Straßen: zuerst die orange-silbernen und dann gleich die gelben City-Bikes. Nicht sehr viele, aber die bunten Fahrräder fielen auf. Heute, 1 Jahr später sind sie nicht mehr wegzudenken (auch in Peking und anderen Städten.)

 

Chinesischer City-Bike Trend

Ich glaube in der Zwischenzeit haben die chinesischen City-Bikes auch in Europa für Schlagzeilen gesorgt. Das liegt nicht nur an der Farbpalette – heute auch in weiß, hellblau, grün und golden er-mietbar – sondern am ease of use. Man kann die Dinger überall abstellen, der umweltbewusste Radler ist somit nicht wie in Wien an bestimmte Parkpositionen gebunden. Auch das Mieten ist kinderleicht. App runterladen, identifizieren, App mit einem – ok, chinesischen – Konto verbinden, QR-Code scannen und losradeln. Die – wirklich schon fast lächerlichen – Beträge werden direkt abgebucht. Ok, für Ausländer gibt’s noch ein paar Hürden zu knacken. Nachdem wir keine chinesische ID-Karte haben, müssen wir ein Foto eines Lichtbildausweises UND ein Selfie auf dem man den Lichtbildausweis in der Hand hält an den Betreiber schicken. Aber meine chinesischen Freunde haben gemeint, no worries about security. Even Chinese citizens have to do this sometimes to prove their identity. Also….

 

Es macht einfach Spaß, mit den knallbunten Fahrrädern durch die Stadt zu fahren; man wird Teil der neuen chinesischen City-Bike community. Meine Favoriten sind die gelben Ofo Räder. Und da gibt’s gute Neuigkeiten: Das Unternehmen plant nach San Francisco auch in Wien Fahrräder zu vermieten. Der Rivale mobike hat im Juni in Manchester und Salford gestartet (in den USA, Singapur und Kasachstan sind sie schon vertreten).

Bike-Fun in Shanghai

Auch marketingtechnisch sind die Firmen gut unterwegs. Zum Start des letzten Minions Films, poppten gebrandete City-Bikes in Shanghai auf. Oder vor kurzem wurde bekannt gegeben, dass Ofo gemeinsam mit der Charity der Sängerin Rihanna Schülerinnen in Malawi unterstützt.

 

Warum Hassliebe?

Es ist so eine Sache mit dem (Über)angebot an City-Bikes in Shanghai. Zuerst waren alle – Bewohner und Stadtverwaltungen – Feuer und Flamme fürs Bike-Sharing. Endlich eine umweltfreundliche Variante für den Stadtverkehr. Chinas Städte sind notorisch bekannt für die schlechte Luft.  Wie viele andere Trends hat sich auch das Bike-Sharing Modell rasant entwickelt. Angeblich gibt es heute schon 70 Anbieter für City-Bikes chinaweit, die ihren 130 Mio. Nutzern 16 Mio. Fahrräder zum Sharen zur Verfügung stellen. Und das in einem Jahr!

 

In Shanghai warten über 1 Mio. Fahrräder darauf, dass ein Kunde den QR-Code einer der 11 Anbieter scannt. Und mit so vielen neuen Teilnehmern am Straßenverkehr kommen auch Probleme. Anrainer und Fußgänger beschweren sich, dass die Gehsteige mit Rädern blockiert sind und melden sich auch regelmäßig beim zuständigen Ombudsmann.  Die Behörden sagen, eigentlich sollte Shanghai, eine Metropole mit 24 Mio. Einwohnern, mit rund 500.000 City-Bikes das Auslangen finden.

Trotzdem: Fahrradfreundliches Shanghai

Und nun? Jetzt wird das Bike-Sharing-Gewerbe stärker reglementiert, auf nationaler und lokaler Ebene. Das Transportministerium hat gemeinsam mit anderen Behörden einen Gesetzesentwurf zur Begutachtung veröffentlicht. Regelungen reichen von der erlaubten Lebenszeit (3 Jahre) von City-Bikes, über designierte Parkplätz bis hin zur Identifizierung und einem Mindestalter der User. In Shanghai werden bald jeweils verpflichtend 200 Leihfahrräder von einem „maintenance employee“ betreut. Hier gibt’s ein paar beeindruckende Bilder zum Bike-Sharing China-Style: The Shanghaiist.

Die Reaktionen der Stadt Shanghai gehen aber weiter: man möchte wieder fahrradfreundlicher werden. Geplant sind der Bau von 10 km für Radler geeignete Straßen sowie Tunnels und Brücken für Radfahrer. Oder die bessere bauliche Trennung von Straßen und Radwegen. Und das ist auch dringend notwendig. Offiziell wird das Bike-Sharing-Modell schon zu den „vier großen Erfindungen des neuen Chinas“ gezählt.

Was kommt als nächstes?

Man kann gespannt sein auf das nächste Sharing-Economy Modell aus China. Die Ideen reichen von Betonmischmaschinen über power banks, sleep pods bis hin zu Basketbällen und jetzt auch Ein-Personen-Fitness-Studios. Man wird sehen. Nur so viel: mit den Regenschirmen hat’s vorerst nicht so geklappt. Und das liegt nicht daran, dass es an Regentagen mangelt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.