Monruf Ojo, der Schweißer von nebenan

Ich habe schon in vielen Ländern dieser Erde gelebt, aber ich kenne keines, in dem die Menschen mehr Unternehmergeist aufweisen als in Nigeria. Dieser Mut zum Wagnis ist auch notwendig, denn die Chancen, als Lohnempfänger Arbeit zu finden, sind gering.

Handwerk im Afrika südlich der Sahara: Improvisation und Einfallsreichtum als wichtigste Geschäftsausstattung

Monruf Ojo, unser „Schweißer von nebenan“, ist einer von mehreren zehn Millionen nigerianischen Kleinstunternehmern. Er betreibt gemeinsam mit seinem „older brother“ (eigentlich Cousin) Kehinde eine „Welding Construction Company“. Das Arbeitsgerät des Unternehmens besteht aus der “Engine“, dem abenteuerlich aussehenden, lokal gefertigten Schweißgerät, und einer großen Flex. Vor kurzem konnte Monruf den dunklen Glasscherben, welcher in Nigeria traditionell als Schweißbrille verwendet wird, durch einen geschenkten Schweißhelm ersetzen. Was an sonstiger Ausrüstung fehlt, wird durch die Zusammenarbeit mit anderen Handwerkern wettgemacht., Die größte Stärke der beiden ist jedoch ihr schier unbegrenztes Improvisationstalent.

In der Wohnung des Autors

Schweißbereit am Einsatzort

Mit totalem Einsatz an der Straße …

„Betriebsstandort“ ist der Straßenrand unmittelbar neben dem AußenwirtschaftsCenter. Hier warten die beiden, meist unter der sengenden Tropensonne, aber auch bei Regen auf Kundschaft. Diese kommt meist aus den Straßen der unmittelbaren Umgebung. Bedarf ist vorhanden. Aufgrund der Sicherheitslage sind alle Bauten mit hohen Zäunen, schweren Einfahrtstoren sowie Gittern an Türen und Fenstern versehen. Außerdem wachsen überall Neubauten in den Himmel. Die feuchte, salzhaltige Luft fördert den Rost. Ständig benötigen alte Autos und Motorräder Reparaturen. Schweißer zählen in Lagos daher meist nicht zum riesigen Heer der fast 50 Mio. Arbeitslosen oder offiziell Unterbeschäftigten des Landes.  Der Wettbewerb ist allerdings hart, und zu viel mehr als zum Überleben reicht es trotzdem nicht.

In action...

Monruf und Kehinde in Aktion

Über Arbeitskapital und sonstige geschützte Lagermöglichkeiten verfügen die “brothers“ nicht. Bevor sie einen Auftrag durchführen, müssen sie im Straßenmarkt auf „Lagos Island“ Eisen und Elektroden einkaufen. Der liegt 8 km entfernt. Dort lassen sie auch schwierigere Schnitte etc. durchführen, denn über Ausrüstung dafür verfügen sie nicht.

Die Elektroden sind erstanden

Beim Materialeinkauf auf Lagos Island

Die beiden sind vor 16 Jahren aus der Stadt Ibadan, in welcher 3 Millionen Menschen leben, nach Lagos gezogen. In Nigerias Wirtschaftsmetropole, mit ihren zwischen rund 20 Millionen Einwohnern hofften beide, ihr Glück zu machen. Ihr Schulbildung beschränkt sich auf sechs Klassen Volksschule. Sie können kaum schreiben. Das Handwerk des Schweißers erlernt haben sie in achtjähriger „Lehrzeit“ bei unserem früheren Schweißer, dem alten Ahmad. Nach seinem Tod übernahmen sie seinen Standort. Damit verbunden ist das Privileg, ihre „Engine“ unter einem Vordach des Gebäudes des AußenwirtschaftsCenters Lagos lagern zu dürfen.

Das Schweißgerät

„Da Engine“ – Battle hardened Schweißgerät aus lokaler Produktion

Aber sie funktioniert!

Jedes Detail ist sehenswert. Einen österreichischen Arbeitsinspektor träfe wohl der sofortige Herzinfarkt…

Rund um die Uhr immer für den Kunden da….

Nach Hause, in ihre gemietete Unterkunft fahren sie meist nur am Sonntag. Denn die Fahrzeit in den Außenbezirk von Lagos, indem ihre Unterkunft liegt,  beträgt leicht einmal 2 bis 3 Stunden . Außerdem sind die Fahrtkosten  für sie zu hoch. Während der Woche schlafen die beiden in trockenen Nächten auf dem offenen Gelände unmittelbar hinter ihrem Geschäftsstandort. Als „Matratzen“ dienen ihnen Kartons. Den einzigen „Luxus“ im „offenen Schlafzimmer“ stellen Moskitonetze dar. Damit sind sie für ihre Kunden auch nachts erreichbar.  Man könnte es wohl „always open for business “ nennen…

 

1 comment

  1. Avatar
    Fritz Eder
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    Natürlich ist das alles sehr erschütternd und speziell wir Österreicher suchen die Ursache der Misere sofort bei uns und verfallen in nutzlose Selbstbeschuldigung.
    Doch wenn ein Staat wie Nigeria keine Regeln aufstellt oder diese nicht durchsetzt führen informelle Geschäfte automatisch in die Korruption und Abhängigkeit gewisser „Lords“ aller Schattierungen. Ein Staat mit mehr als 150 Mio EW hat zB noch immer kein Stahlwerk? Da läuft aber etwas so was von falsch, das liegt nicht in unserem Einflußbereich.

    Austria Tech Hubs könnten eine Lösung sein. Diese Hubs, in eher kleineren Städten angesiedelt, würden diese Menschen davor bewahren in die Molochmetropolen zu ziehen. Es gäbe genug Projekte die unbedingt Erfolg versprechend wären.

    Würde man zB die Senior Experts Austria etwas „reformieren“ dann könnte da einiges gelingen.

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