Mülltrennung in Shanghai – ein Stimmungsbild

China sagt der Umweltverschmutzung den Kampf an. Dazu werden Schulen, Firmen und Bewohner geschult. Wie ein Schwein den Chinesen beim Recycling hilft, erklärt die WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Shanghai, Christina Schösser.

China sagt der Umweltverschmutzung den Kampf an. Dazu werden Schulen, Firmen und Bewohner geschult. Wie ein Schwein den Chinesen beim Recycling hilft, erklärt die WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Shanghai, Christina Schösser.

Seit meiner Übersiedlung 2015 nach Shanghai spielte Mülltrennung – leider – keine große Rolle für mich. Diese Zeiten sind nun vorbei! China hat bereits 2014 den „war on pollution“ ausgerufen. Zu tun gibt es wahrlich viel. So fallen in China pro Jahr rund 228 Mio. Tonnen Müll an – trotz des 2017 eingeführten Verbot des Müllimports. Wie in China üblich, wird auch das Müllproblem strategisch angegangen. Laut Plan des „Ministry of Housing and Urban-Rural Development“ soll die Recycling-Rate von Hausmüll bis 2020 in 46 Städten auf 35 Prozent steigen (derzeit unter 20 Prozent). Bis 2025 sollen alle Städte auf Präfekturlevel (ca. 300) folgen.

Mülltrennung für Fortgeschrittene

Als erstes hat am 1. Juli 2019 die 24-Millionen-Metropole Shanghai mit einem neuen ambitionierten Recycling-System gestartet. Höchste Zeit: die Stadt produziert täglich 22.000 Tonnen Hausmüll bzw. 9 Mio. Tonnen pro Jahr.

Gesagt – getan. In Schulen, Firmen und Wohngebieten wurden 6,8 Mio. Haushalte in 13.000 „training sessions“ geschult. Theoretisch ist das System einfach: es gibt 4 Kategorien für Hausmüll: „dry garbage“, „wet garbage (kitchen waste)“, „recyclables“ und „hazardous waste“. Sollte kein Problem sein, oder?

Nun aber eine Frage an unsere Experten: gehören Hühnchen- und Schweineknochen in denselben Mülleimer? Nein, leider nicht: Erstere sind „wet waste“, zweitere „dry waste“. Noch ein Beispiel gefällig? Muscheln können nicht im selben Müllbeutel wie Hummer-Schalen entsorgt werden. Und nicht alle Batterien gehören zur Kategorie „hazardous waste“…

Dazu kommen verhältnismäßig hohe Strafen für Unternehmen, strikte Öffnungszeiten der Müllsammelstellen mit Videoüberwachung und Auswirkungen auf das persönliche Social-Credit-Rating. Nun wird das Ausmaß der Verwirrung der lokalen Bevölkerung langsam klar. Und wenn man ein paar Mal falsch getrennt hat, kann es gut sein, dass der Müll nicht mehr abgeholt wird.

Das Schweine-Orakel

Zum Überleben haben die Shanghaier eine Faustregel entwickelt: Alles, was ein Schwein essen kann, geht in den „wet waste“; Was das Schwein nicht anrührt, gehört zur Kategorie „dry waste“. Abfall, dessen Verzehr für ein Schwein lebensgefährlich ist, ist offensichtlich „hazardous waste“. Müll der noch zu Geld gemacht werden kann und damit ein neues Schwein angeschafft werden kann, dann haben wir es mit „recyclabe waste“ zu tun. Simpel, oder?

Und kontrolliert wird: 2019 wurden 81.000 Inspektionen durchgeführt und 5.546 Strafen verhängt. Am schlechtesten haben dabei Restaurants abgeschnitten. Ach ja: die Strafe für das Chicken-Pork-Problem für Bewohner Shanghais macht nur 30 US-Dollar aus. Ein „bargain“ sozusagen.

Online Services zur Mülltrennung

Es wird daher jede Möglichkeit in Betracht gezogen, Strafen zu entgehen. Findige Geschäftsleute bieten Abhilfe. Schon in der Woche nach Inkrafttreten des Gesetzes sind auf Online-Plattformen diverse „waste disposal and sorting services“ aufgepoppt. Gegen Bezahlung kann man den Hausmüll von selbsternannten Experten aussortieren lassen. Für alle, die ihren Hausmüll weiterhin selbst sortieren wollen, gibt es auch Untersützung: Apps helfen, den Müll mittels Bild- oder Spracherkennung auf KI-Basis zu klassifizieren. Auch 2.000 KI-gestützte Mülleimer sind eine Lösung. Aber auch Hersteller profaner Mülleimer haben profitiert: im Juni 2019 wurden 3 Mio. verkauft, fast einer pro Sekunde.

Anmerkung: die erste Verordnung für die Behandlung von Hausmüll wurde schon 2011 in Peking erlassen. Das in Shanghai erprobte System startet dort im Mai 2020.

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