Ägyptische Nachhaltigkeit als Vorbild für Österreich

Wie sieht Nachhaltigkeit in Ägypten aus? Und was können wir Österreicher von Ägypten lernen? Der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte in Kairo, Martin Woller, im Gespräch mit Helmy Abouleish, der ein weltweit führendes Sozialunternehmen mit aufgebaut hat.

SEKEM – Nachhaltigkeit als Kerngeschäft

Dr. Ibrahim Abouleish gründete 1977 mit SEKEM eine Gemeinschaft in der Wüste, in der sich Mensch und Umwelt im Einklang entwickeln können. 2003 bekam er für die Initiative den alternativen Nobelpreis. Das aus der Vision von Dr. Ibrahim Abouleish entstandene Gesamtkunstwerk SEKEM konnte nur durch die Hilfe vieler Hände entstehen.

(c) Sekem: Die Gründer Dr. Ibrahim u. Helmy Abouleish

(c) Sekem: Die Gründer Dr. Ibrahim und Helmy Abouleish

Einen großen Anteil an der Entwicklung der Gemeinschaft hat der Sohn des Gründers Helmy Abouleish. Helmy ist Ägypter, Österreicher, Muslim – quasi ein Weltbürger. Geboren und aufgewachsen in Österreich, begleitete Helmy seinen Vater mit 16 Jahren in dessen alte Heimat Ägypten und war somit von Anfang an dabei. Mittlerweile besteht SEKEM aus einer facettenreichen agroindustriellen Unternehmensgruppe und verschiedenen NGOs. Heute gilt SEKEM als eines der weltweit führenden Sozialunternehmen.

(c) Sekem: Die Farm 1979

(c) Sekem: Die Farm 1979

(c) Sekem: Der Sekem Circle

(c) Sekem: Der Sekem Circle

Im Interview beantwortet uns Helmy Abouleish 6 Fragen

Wie war die Anfangszeit in Ägypten für dich?

Ich sprach damals kaum ein Wort Arabisch, lebte mich aber schnell in die neue Kultur ein. Ich verbrachte monatelang mit Beduinen in einem Zelt in der Wüste und besuchte gleichzeitig die Deutsche Schule in Kairo. Heute bin ich sehr dankbar dafür, dass ich diese beiden Kulturen in mir trage und die eine aus der anderen reflektieren kann.

Wie macht man Wüstensand fruchtbar?

SEKEM verwandelt seit 1977 Wüstensand in einen lebendigen Boden. Heute ist die obere Schicht der ersten Farmböden (zwischen 0 und 30 cm tief) reich an organischer Substanz und besitzt ein breites Spektrum an mikrobiologischem Leben, das wichtig ist, um Nährstoffe wie Kalium, Phosphat oder Stickstoff für die Pflanzen zugänglich zu machen. Dadurch können die Böden bis zu 40 Prozent mehr Wasser speichern als die konventionell bewirtschafteten und rund 3 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr speichern. So leistet die nachhaltige Begrünung der Wüste einen wichtigen Teil zur Bekämpfung des Klimawandels. Für die Gewährleistung dieser Vitalität in den Böden helfen uns drei Techniken: Erstens die Anwendung von Kompost, Komposttee und anderen organischen Düngern, zweitens die Rotation der Kulturpflanzen sowie drittens die Verwendung von biologisch-dynamischen Zubereitungen, auch Präparate genannt.

(c) Sekem: Ökologie und Nachhaltigkeit

(c) Sekem: Ökologie und Nachhaltigkeit

Was produziert SEKEM heute?

Neben der Lebensmittelproduktion (Kräuter, Gewürze, Gemüse, Obst, Datteln) und den Biotextilien (Babykleidung, Heimtextilien, Puppen und Kuscheltiere) erzeugen wir natürliche Arzneimittel und Produkte für die Gesundheitsfürsorge. Alle SEKEM-Produkte kommen entweder aus der eigenen Landwirtschaft oder von langjährigen Vertragsbauern, die alle nach biologisch-dynamischen Richtlinien arbeiten (etwa 70 Prozent). Viele Produkte liefern wir auch nach Österreich.

(c) Sekem: Wirtschaft und Nachhaltigkeit

(c) Sekem: Wirtschaft und Nachhaltigkeit

Wie engagiert sich SEKEM sonst noch?

Die eigentliche Vision hinter SEKEM ist es, Menschen in ihrer Entwicklung zu unterstützen. In dem Zusammenhang spielt die individuelle Potentialentfaltung eine wichtige Rolle, die wir in allen Bereichen versuchen zu fördern, zum Beispiel über Bildung. Bereits 1989 wurde die SEKEM Schule gegründet, die heute eine Grund-, Vorbereitungs- und Sekundarschule für über 300 Schüler umfasst. Seit 1999 gibt es zusätzlich ein akkreditiertes Berufsbildungszentrum mit Lehrgängen u.a. im Bereich Mechanik, Tischlerei, Elektrotechnik, Schweißarbeit oder Landwirtschaft.

Alle Mitarbeiter nehmen regelmäßig an künstlerischen Aktivitäten und Fortbildungen teil, die wir ihnen während der Arbeitszeiten anbieten. Diese kulturellen Bildungsaktivitäten werden zu Teilen von den Gewinnen unserer Firmen finanziert. Wir freuen uns aber auch sehr über die Zusammenarbeit und Unterstützung von und mit österreichischen Firmen und Behörden.

Im Jahr 2012 wurde außerdem die Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung unter der Schirmherrschaft von SEKEM gegründet. Die Heliopolis Universität will junge Menschen dazu befähigen, bewusst nachhaltige Entwicklung, wirtschaftliche Solidarität, soziale Verantwortung und eine Balance der Umwelt in Ägypten und der Welt voranzutreiben. Außerdem forschen die Heliopolis Universität und SEKEM gemeinsam zu verschiedensten Zukunftsthemen, wie etwa Klimawandel, erneuerbare Energien, Nahrungsmittelsicherheit oder auch im sozialen und wirtschaftlichen Bereich.

Was treibt dein wirtschaftliches und soziales Engagement an?

Ich will beweisen, dass durch die Synergien von biologisch-dynamischer Landwirtschaft und durch die Pflege lebendiger Gemeinschaften die optimalen Voraussetzungen für die Entfaltung von individuellem Potential und die Entwicklung der Menschen geschaffen sind. Unsere Vision für 2057 will dies über verschiedene Wege vorantreiben, zum Beispiel im Rahmen des 13-Dörfer-Projektes, wo wir eine soziale Transformation in unserer direkten Umgebung fördern wollen. Ein weiteres wichtiges Projekt in diesem Zusammenhang ist unsere Greening-the-Desert-Kampagne. Hier wollen wir mehr Wüstenland urbar machen, Gemeinschaften gründen und Entwicklung anstoßen, wo bisher nichts war, außer unfruchtbare Wüste. Mit solchen Projekten wollen wir die nachhaltige Entwicklung in Ägypten und der Welt vorantreiben und vor allem dazu beitragen, dass dies nicht durch Krise, sondern durch Einsicht geschieht.

Wie siehst du die aktuelle Lage in der Welt?

Ich bin zuversichtlich, was die aktuellen Entwicklungen in der Welt angeht. Wir sind zwar in einer Krise, aber ich bin überzeugt davon, dass darauf bald der Fortschritt folgt. Krisen bringen nicht nur Negatives mit sich, sondern auch viel Potential für Wandel und Entwicklung. So glaube ich, dass sich bald Lösungen für die vielen Herausforderungen zeigen werden, vor denen Ägypten steht, dass sich die Aufklärung in der islamischen Welt bemerkbar machen wird und , dass die Einsicht kommen wird, dass nachhaltige Formen von Landwirtschaft, Gesellschaft und Wirtschaft unumgänglich sind.

Helmy Abouleish von Sekem und Martin Woller

Helmy Abouleish und Martin Woller

Weitere Details zur SEKEM Erfolgsgeschichte gibt es hier SEKEM Imagefilm

Aus Österreich unterstützt der Förderverein der SEKEM Freunde Österreich e.V. insbesondere die kulturellen Aktivitäten der SEKEM Initiative

4 comments

    • Martin Woller

      Naja, die Wurzeln von Dr. Ibrahim Abouleish sind jedenfalls ägyptisch.
      Weniger als die Frage „wer hat’s erfunden?“ sehe ich hier das „schau, was alles möglich ist!“ als Wichtig an.

  1. Avatar
    SEKEM-Österreich
    Antworten

    Danke – ein sehr informatives Interview! Sekem-Österreich erinnert sich noch sehr gut an das Treffen mit dem österreichischen Botschafter Stillfried und dem Handelsdelegierten Woller bei SEKEMs Frühlingsfest im März 2016! Ein Bericht über die damalige Ägyptenreise gibt es hier: http://www.sekemoesterreich.at/index.php/proj/221-sekem-oesterreich-pflanzt-baeume-in-der-wueste-und-erlebt-erstaunliches
    Vielleicht noch eine anregende Ergänzung zum Interview: Helmy Abouleish hat vor kurzem in Graz über die INSPIRATIONSQUELLEN von SEKEM gesprochen – Näheres dazu hier: https://austria.sekem.com/wp-content/uploads/2020/03/2020-03-03-Sekem-%C3%96-GV-Protokoll.pdf Auch Helmy Präsentationsunterlagen sind verfügbar: https://austria.sekem.com/wp-content/uploads/2020/03/SEKEMs-Inspirationsquellen_compressed.pdf

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